"Damals gab es keine Ablehnung"

Interview | Güler Alkan
23. August 2011, 08:36

Hakim Ali kam vor über 30 Jahren aus dem Sudan nach Österreich. Am Anfang erlebte er in seiner neuen Heimat weniger Rassismus als heute

Ibrahim Hakim Ali lebt seit 1979 in Österreich. Damals verschlug es ihn zum Studium nach Innsbruck. Der Nebenjob in der Gastronomie wurde schließlich zum Hauptberuf und seit 15 Jahren ist Hakim Ali stolzer Besitzer des afrikanischen Restaurants Sagya in Wien-Alsergrund. Im daStandard-Interview erzählt der gebürtige Sudanese von den Schwierigkeiten afrikanischer Einwanderer in Österreich und warum er sich nicht als Wiener fühlt.

daStandard.at: Was hat Sie nach Österreich verschlagen?

Ibrahim Hakim Ali: In den 1970er Jahren waren alle Afrikaner, die hier eingewandert sind zum Studieren nach Österreich gekommen. Es waren keine Flüchtlinge. Die, die da waren, waren entweder bei der UNO, der OPEC oder eben Studenten. Ich bin eigentlich auf Empfehlung eines Freundes, der die Textilschule in Vorarlberg besucht hat, hierher gekommen. Aber dort gab es keine Universität, deswegen bin ich nach Innsbruck gezogen.

daStandard.at: Wie hat Ihnen Innsbruck gefallen?

Ibrahim Hakim Ali: Innsbruck war sehr nett. Wir waren als Dunkelhäutige sehr interessant für die Menschen. Es gab keine Ablehnung damals. Denn Ablehnung ist ja mit Angst vor dem Fremden, das man nicht kennt, verbunden. Aber damals wollten die Menschen uns kennen lernen und mehr über uns erfahren.

daStandard.at: Wie ging es dann in Innsbruck weiter?

Ibrahim Hakim Ali: Ich wollte dort eigentlich studieren, aber es ging sich finanziell nicht so gut aus. Dann hab ich angefangen in der Gastronomie zu arbeiten. Arbeit und Studium sind parallel auch nicht so gut gegangen, und ich hab stattdessen die Hotelfachschule gemacht. Außerdem habe ich bemerkt, dass mir die Gastronomie liegt.

daStandard.at: Jetzt leben Sie mittlerweile seit mehr als 20 Jahren in Wien.

Ibrahim Hakim Ali: Ich bin in den 80ern nach Wien gezogen und habe das Cafe im neu eröffneten Votiv-Kino übernommen. Das Cafe hat "Kulturbox" geheißen, da waren sehr viele Afrikaner und überhaupt eine multikulturelle, offene Atmosphäre. Nach personellen Veränderungen im Führungsteam habe ich aber beschlossen etwas Neues zu machen und mein eigenes Lokal, das Sagya, eröffnet.

daStandard.at: Letztes Jahr feierten Sie 15-jähriges Jubiläum von Sagya. War der Umstieg zum selbständigen Gastronom schwierig?

Ibrahim Hakim Ali: Als Afrikaner ist alles schwierig hier in Österreich. Es ist ganz anders, wenn ein Österreicher zum Magistrat geht oder ein Afrikaner. Das weiß jeder. Du wirst immer anders behandelt, weil du eine andere Hautfarbe hast. Das war früher nicht so. Ich könnte zehn Bücher über Rassismus in Österreich schreiben, da gibt es eine Fülle an negativen Erfahrungen.

daStandard.at: Im Sagya finden auch kulturelle Veranstaltungen statt. Sie sind ja auch Mitbegründer der Afrikanischen Vernetzungsplattform und engagieren sich in Ihrer Freizeit für die afrikanische Community. Was sind die größten Probleme der afrikanischen Einwanderer?

Ibrahim Hakim Ali: Wir haben zum Beispiel nur einen Afrikaner als pragmatisierten Beamten im Rathaus. Ärzte gibt es viel, aber Straßenbahnfahrer gibt es auch nur einen und bei der Polizei auch nur zwei oder drei Afrikaner. Die österreichische Gesellschaft hat noch nicht akzeptiert, dass sie in Richtung Multikulturalismus gehen wird. Wenn man in England auf der Straße spazieren geht, dann ist der Busfahrer Pakistani, der Kassier in der Bank Afrikaner und der Polizist Südamerikaner. Diese Entwicklung und Akzeptanz ist noch nicht da in Österreich.

daStandard.at: Was gefällt Ihnen an Österreich besonders?

Ibrahim Hakim Ali: Es gefällt mir die Landschaft und die Disziplin beim Umweltschutz. Auch die Demokratie und dass es keine Korruption gibt. 2009 war ich nach zehn Jahren wieder im Sudan und diskutierte mit einem Journalisten über die Entwicklung im Sudan, weil ich keine sehe. Denn die Entwicklung sollte in den Menschen sein, nicht nur in den Straßen oder Gebäuden. Ich habe Präsident Fischer als Beispiel genommen, weil er nicht tagtäglich mit einer Karawane unterwegs ist. Er ist mein Traumpräsident, weil er in seiner alten Studentenwohnung und nicht im Palast wohnen will. Auch Kreisky mochte ich sehr und habe viel über die österreichischen Sozialdemokraten gelesen, bevor ich hierher gekommen bin.

daStandard.at: Sie waren zehn Jahre lang nicht in Ihrer alten Heimat Sudan. Zu welchem Land fühlen Sie sich eher zugehörig - Österreich oder Sudan?

Ibrahim Hakim Ali: Manchmal denke ich mir: Es ist gut so, dass ich international geworden bin. Weil Kosmopoliten internationale Staatsbürger sind, sie gehören überall hin. Manchmal fühle ich mich aber, als ob ich nirgends hingehöre. Hier bin ich "Neger", Ausländer. Und in Afrika verstehe ich nicht mehr, was dort läuft. Ich kann mich mit der heutigen radikal-islamistischen Mentalität nicht identifizieren.

Und das was ich dort gelassen habe, gibt es nicht mehr. In meinem Heimatdorf, das heute Teil einer Stadt ist, in der Nähe von Khartum, gab es früher zum Beispiel ein funktionierendes biologisches System. Alles wurde am Ende gefressen und fand den Weg zurück in die Natur. Die Gemüsereste wurden von den Ziegen und die Knochen von den Hunden gefressen. In meiner Erinnerung war das Dorf am Niltal sauber und schön. Und jetzt? Ich glaube, Afrika wird in zehn Jahren in Dosen und Plastik versinken.

daStandard.at: Was vermissen Sie am Sudan am meisten?

Ibrahim Hakim Ali: Ich vermisse das Dorf am Nil, wo es keine Autos gab. Ich vermisse es nachmittags zuhause das kilometerweite Geräusch der Sagya-Maschine zu hören, eine Art Holz-Zahnrad, das mein Volk, die Nubier, erfunden haben. Dieses Geräusch des sich drehenden Holzes, wenn das Kamel oder die Kuh die Maschine bewegt, um das Wasser zu schöpfen, das vermisse ich. Heute gibt es kein Sagya mehr, nur mehr Motoren.

daStandard.at: Ist Ihnen Wien mittlerweile nicht auch schon zu laut geworden?

Ibrahim Hakim Ali: Wien ist nicht so laut wie Khartum, Kairo oder Istanbul. Wien ist eine ruhige Stadt mit guter Luft und vielen Parks, Wien gefällt mir sehr. Aber ich traue mich nicht sagen, ich bin Wiener.

daStandard.at: Obwohl Sie die österreichische Staatsbürgerschaft besitzen und seit mehr als 25 Jahren hier leben?

Ibrahim Hakim Ali: Ich habe viel mit Afrikanern und anderen Zuwanderern aus verschiedensten Nationen diskutiert, die meisten davon hier geboren oder aufgewachsen, mit Staatsbürgerschaft und perfekten Deutschkenntnissen und die fühlen sich trotzdem nicht als Österreicher. Dieses Gefühl muss uns Wien und die Wiener geben, dass wir dann stolz sagen können: Ich bin Wiener. (Güler Alkan, 23. August 2011, daStandard.at)

dageblieben

mehr
  • dageblieben "Wien ist die Stadt meines Überlebens"

    Porträt | 6 Postings
    Ania aus Krakau hat als Kind in Wien eine schwere Krankheit besiegt. Jahre später kehrte sie nach Österreich zurück
  • dageblieben "Österreich machte mich zum Migranten"

    Porträt | 173 Postings
    Zwischen den Kontinenten: Der 35-jährige Estuardo Chacon ist ein ständiger Reisender. Er erzählt, warum er nicht das Europa fand, das er sich vorgestellt hatte, und wieso Österreich ihn enttäuscht hat